Nonstop-Radtour Jena-Rostock

6. August 2016     8 Kommentare

Prolog

Radtour Jena-Rostock Karte
OpenStreetMap und Mitwirkende, CC-BY-SA]

Während Diana mit ihrer Mutti und den beiden Jungs die letzten Ferientage am Cospudener See verbringt, nutze ich die Gelegenheit für eine Neuauflage der legendären Ostsee-Radtour 1999. Aufgrund der massiven Knie-Probleme nach dem damaligen Gewaltritt will ich auf eine erneute Übernachtung in einer kalten Bushaltestelle verzichten. Stattdessen plane ich die Strecke in mindestens zwei Tagesetappen aufzuteilen und bei nahender Erschöpfung spontan ein Hotel anzusteuern. Von einem ausgewiesenen Fahrrad-Routenplaner lasse ich mir im Vorfeld die kürzeste Strecke nach Warnemünde erstellen und optimiere diese noch etwas durch Vermeidung unnötiger Fahrradweg-Umwege. Doch natürlich gestaltete sich die Tour etwas anders als geplant…

Sa/So, 06./07.08.: Jena – Warnemünde [444km] Radtour Jena-Rostock Samstag

Gut ausgeschlafen packe ich nach dem Frühstück die Ortlieb-Taschen (Wechselsachen, Waschtasche, Windjacke, 4l Wasserflaschen, Äpfel, Feigen, Schloss, Werkzeug) und die Lenkertasche (Wertsachen, Energieriegel), rolle noch fix zur Aral-Tankstelle und gönne beiden Reifen etwas mehr Luft. Dann geht’s halb 11 bei angenehmen 22°C und lockerer Bewölkung gen Norden los. Zunächst fahre ich auf dem Saaleradweg durch bekanntes Terrain bis Bad Kösen, wo nach gut 30km der erste Energieriegel fällig ist. Auf der Weinmeilen-Strecke kommt man heute trotz einiger Wandergruppen zügig durch und nach zwei Stunden durchfahre ich das kleine Großjena. Statt dem Saalebogen im Tal zu folgen, geht es ca. 60m höher über ein paar Dörfer und bei Großkayna östlich am Geiseltalsee vorbei auf direktem Weg nach Merseburg. Hier stoße ich auf die B91, deren begleitender Radweg mich direkt zum Riebeckplatz in Halle bringt. Die Ausschilderung zum Zoo ist eine gute Hilfe um wie geplant über den Stadteil Trotha das Zentrum wieder zu verlassen. Ein paar Kilometer weiter unterquere ich die A14 und lege mich in Wallwitz für eine erste größere Pause nach 5h und 100km ins Gras. Gegen 16 Uhr steige ich wieder auf den Sattel und kämpfe mich gegen den NW-Wind durch die sachsen-anhaltinische Einöde zwischen Gröbzig und Nienburg, bei Calbe quere ich zum letzten Mal die Saale und fülle in einem Supermarkt meinen Wasservorrat nach. Eine knappe Stunde später geht’s in Schönebeck über die Elbebrücke. Mittlerweile ist es 20 Uhr und hinter mir liegen knapp 160km, aber noch gibt es keine Ausfall-Erscheinungen und so strampel ich weiter in die Abenddämmerung. Für die Strecke östlich an Magdeburg vorbei hat der Routenplaner eine Variante über den Elbdamm ausgespuckt, leider gerate ich zwischen Randau und Pechau in den Kreuzhorster Auwald und komme auf matschigen Waldwegen entsprechend schlecht voran. Dafür entschädigt anschließend der asphaltierte Dammradweg am Elbe-Umflutkanal auf dem sich sehr zügig und entspannt die Kilometer bis Heyrothsberge abrollen lassen. Dort angekommen wird es Zeit die Beleuchtung einzuschalten, zumal es jetzt auf dem Radstreifen entlang der schnurgeraden B1 weiter geht. Kurz nach 22 Uhr und mit 190km in den Beinen nutze ich den Schachtelwirt vor den Toren von Burg für eine größere Pause mit heißem Kaffee und Cheeseburger. Bei dieser Gelegenheit prüfe ich auch mal die Hotel-Angebote der Stadt nur um dann beim Vorbeiradeln festzustellen, dass deren Rezeptionen nicht mehr besetzt sind. Abgesehen von der anstehenden Nacht spricht allerdings auch nichts dagegen die Radtour fortzusetzen. Zunächst führt die B1 noch ein Stück in nordöstliche Richtung, bevor ich bei Hohenseeden auf die L54 abbiege und über die Ortsteile der Gemeinde Parey nach Jerichow gelange. Seit der letzten Rast sind schon wieder gut 40km geschafft und ich steuere eine Bank am Straßenrand an, um mich für ein paar Minuten zu strecken und auszuruhen. Zehn Minuten später lasse ich auf der B107 die Kette weiter schnurren, doch trotz eines Energy-Drinks überfällt mich halb 4 nach 265km in Havelberg die Müdigkeit und ich steuere mal wieder eine Bushaltestellen-Bank für ein kleines Nickerchen an.

Radtour Jena-Rostock Sonntag

Eine gute halbe Stunde finde ich etwas Ruhe und Erholung im Halbschlaf, dann wird es aufgrund der einstelligen Nachttemperaturen direkt an der Havel ungemütlich. Jetzt helfen ein paar Kilometer auf der B107 mit 70-80 U/min um meinen Körper wieder auf Betriebstemperatur zu bringen, trotzdem freue ich mich über die Dämmerung gegen 5 Uhr am Windpark bei Schrepkow und die bald darauf am Horizont auftauchende wärmende Sonne. Ohne viel Verkehr ist halb 7 Pritzwalk als nächstes Etappenziel erreicht und ich finde nach erfolgloser Suche im Zentrum doch noch am nördlichen Ortsausgang beim Bäcker Armster ein Frühstück mit Kaffee und belegtem Brötchen. Aufgewärmt und gestärkt geht es halb 8 auf der B103 mit leichtem Rückenwind weiter, hinter Meyenburg empfängt mich bereits Mecklenburg-Vorpommern und zunehmend verdrängen Kiefernwälder die weitläufigen landwirtschaftlichen Flächen. Die nächste 30minütige Bank-Pause lege ich zwei Stunden später am Plauer See ein, mittlerweile stehen 345km auf dem Tacho und horizontal ausstrecken tut richtig gut. Kurz darauf wird bei Karow zum ersten Mal Rostock mit 83km ausgeschildert, nun rückt die Ostsee langsam in greifbare Nähe. Über Krakow am See fährt es sich auf der L37 sehr entspannt und verkehrsarm durch angenehm temperierte Waldgebiete bis Güstrow, auch wenn mein Antritt schon längst nicht mehr so kraftvoll ist und ich permanent einen weniger schmerzvollen Kontakt mit dem Sattel suche. Gemeinerweise zeigt das Höhenprofil des letzten Teilstücks ein paar Spitzen, sodass ich mich gegen 13 Uhr am Ortsausgang von Lüssow nochmal zur Regeneration für ein paar Minuten ins Gras fallen lasse. Unter der freundlich strahlenden Nachmittagssonne kämpfe ich mich weiter an Goldewin und Mistorf vorbei, dafür folgt anschließend eine erholsame Abfahrt nach Schwaan ins Warnow-Tal. Nachdem der Abzweig in den Radweg nach Rostock gefunden ist, führt dieser sehr idyllisch auf halber Höhe über Benitz und Wahrstorf nach Niendorf an der A20. Vor mir liegt Rostock und ich rolle durch die Südstadt in Richtung Hauptbahnhof. Halb 4 checke ich kurz am Hotel Greifennest ein und fahre dann weiter an der Stadtautobahn (B103) nach Warnemünde. Eine knappe Stunde später gegen halb 5 ist es dann endlich geschafft: vor mir öffnen sich die Dünen, die wunderschöne Ostsee zeigt sich und ein großes Glücksgefühl macht sich breit, TSCHAKKA! Mit dem erfrischenden Sprung in die Wellen fallen dann schlagartig alle Erschöpfungs-Erscheinungen ab, erst gegen 20 Uhr kommt die Müdigkeit zurück und lässt mich wie ein Stein schlafen.

Mo, 08.08.: Rostock – Jena

Am leckeren und vielfältigen Frühstücks-Buffet beginnt 9 Uhr ganz entspannt der Tag. Den restlichen Vormittag verbringe ich mit einem Spaziergang durch Rostock, auch ein paar kleine Schätze liegen zwischen Wallgraben und Hafen. Gegen Mittag hole ich mein Fahrrad und Gepäck aus dem Hotel, mit dem Quer-durch’s-Land-Ticket (44 EUR) bringt mich anschließend die Bahn über Berlin und Leipzig zurück nach Jena, wo ich kurz nach 21 Uhr ganz ohne Knieschmerzen ankomme.

Tour-Eckdaten

  • Strecke: 444km
  • Fahrzeit: 23h (30h gesamt)
  • Getränke: 7l Wasser-Saft, 3 Kaffee, 2 Energydrinks
  • Essen: 11 Proteinriegel, 1 Hamburger, getrocknete Feigen, Äpfel

Kommentare [8]

  1. Juja schrieb am 12. September 2016, 12:56 [#]

    Ach, als ob’s in zwei Tagen nicht heldenhaft genug gewesen wäre! Das werd ich nun aber echt nicht überbieten können. Bin sehr neidisch ;)

  2. Matthi schrieb am 12. September 2016, 13:27 [#]

    @Juja: ich bin allerdings mit deutlich weniger Gepäck und auch nicht so landschaftlich schön durch den Sand gefahren wie Du letztes Jahr. Falls Bedarf besteht geb ich Dir beim nächsten Mal aber gerne Bescheid, ein wenig Unterhaltung während der 30h hätte nicht geschadet ;-)

  3. Micha schrieb am 12. September 2016, 20:18 [#]

    Respekt! Bin sprachlos und schwanke zwischen Neid, Begeisterung, Respekt und richtig geile Sache. Und danke für den Bericht dazu. Kann man mal gemacht haben :D Ich finds einfach nur genial. Wüsste nur nicht ob ich die Sonnenaufgangsstimmung in den Feldern BBGs und MeckPoms noch genießen könnte, mit den Kilometern im Hintern. Top!

  4. Matthi schrieb am 12. September 2016, 20:39 [#]

    @Micha: herzlichen Dank für die nette Attributierung! Als ich mich beim Schreiben des Berichts etappenweise erinnert habe, wirkte es rückblickend gar nicht mehr so anstrengend ;)
    Effektiv lässt es sich auch wie folgt zusammenfassen: bis zur Abenddämmerung war’s schön, während der Nacht war’s mental herausfordernd und mit Sonnenaufgang wurde es zunehmend eine körperliche Herausforderung. Insgesamt aber eine sehr interessante Erfahrung :D

  5. Juja schrieb am 13. September 2016, 08:35 [#]

    @Matthi: Nächstes Mal?! :-o

  6. Matthi schrieb am 13. September 2016, 13:52 [#]

    @Juja: aber klar doch, wenn die Erinnerung an den schmerzhaften Sattelkontakt ausreichend verblasst sind ;-)

  7. Andrea schrieb am 18. September 2016, 16:42 [#]

    Verrückt!! :-o

  8. Matthi schrieb am 19. September 2016, 06:16 [#]

    @Andrea: aber nichts im Vergleich zu Deinen Reiseaktivitäten ;-)